Otherland-Newsletter 2026 #02
Das Otherland das ich rief
Letzte Woche noch erfroren, heute machen Leute im Unterhöschen Ashtanga-Yoga im Görlitzer Park. Die Tage werden länger und die 4 Minuten Sonne lassen Frühlingsgefühle entstehen yippie! Aber nicht zu früh gefreut, die düstere Jahreszeit ist noch nicht ganz ausgestanden und es bietet sich noch die ein oder andere Nacht für ein Gesellschaftsspiel an, das in der Edo Periode (1603 - 1868) in Japan entstanden ist: Hyakumonogatari Kaidankai. Dabei trifft man sich in einem Haus (unbeheizbare Berliner Altbauwohnung tut’s im Notfall auch), zündet 100 Kerzen an und erzählt sich 100 Geistergeschichten. Nach jeder erzählten Geschichte wird eine Kerze ausgeblasen, bis die ganze Gesellschaft im Dunkeln versinkt und man sich am nächsten Tag fragt, wessen Hand man da eigentlich gehalten hat….Wenn Geister einladen, dann machen wir keine halben Sachen und gehen direkt mit einem breit grinsenden Jack Torrance an der Bar einen heben. Das plötzlich alle Gäste um uns herum eine Kostümparty aus den 20ern feiern, fällt uns nach dem dritten Singapur Sling gar nicht mehr auf (Stephen King, The Shining). Einem Herzinfarkt (und damit einhergehenden ver-geist-igung) wäre ich vermutlich auch nahe, wenn ich die Erscheinung aus M.R. James „Oh whistle and I’ll come to you my lad“ am Horizont erblicken würde. Ich würde aber auch nicht unbedingt in eine Pfeife pusten, auf deren Seite "Who is this who is coming?“ eingraviert ist. Obwohl, jede*r von uns hat wohl einen Ex, die/der sich als Pfeife entpuppte und uns noch länger in den Gedanken herumgegeistert ist. Da muss ich direkt an Hans Vollman aus George Saunders Meisterwerk „Lincoln in the Bardo“ denken, der von einem fallenden Balken erschlagen und im Bardo (ein tibetanisch buddistischer Terminus, der eine Zwischenwelt beschreibt) mit einer gigantischen Erektion vegetieren muss. Hans Vollmer ist allerdings sehr freundlich ;). Freundlich ist auch die Katze aus Bora Chung’s neuer Geschichtensammlung „The Midnight Timetable“. Hier geht es um ein Ministerium in Korea, welches nur für heimgesuchte Objekte existiert. Gibt es in der UK nicht ein Ministerium für Einsamkeit? In einem Land (Insel?), welches als Wiege für Hauntology und Folk Horror bekannt ist, nicht weiter verwunderlich. Voll von Geisterhäusern und Spukgestalten, besonders unangenehm hier die bisher recht unbekannten Geschichten des Briten Robert Aickman, der ein wahres Händchen für surreale und schlichtweg weirde Stories bewies, bei dessen Lektüre sich mir immer die Nackenhaare aufstellen. Wenn ich mich des nachts mit meinem dicken BMW verfahren würde, würde ich lieber auf dem Fahrersitz pennen, als Aickman’s „The Hospice“ zu betreten. Seltsame Mitbewohner*innen gibt es in Berlin wie Sand am Meer, aber einen Mr. Bayard würde ich dann doch niemandem wünschen. Jetzt wären zwar noch genügend Kerzen übrig, aber ich will heute nacht nicht Shirley Jackson’s Hand halten, sondern meinen Plüschdrachen kuscheln.
Eine letzte Sache noch: Warum ist der Geisterkomiker nicht lustig? Weil er immer tod-ernst ist. Hahahahaaaaaaaaaaaaa da gehen die Kerzen im Lufthauch des lachenden Publikums dann doch aus. Oh oh.
Verängstigte Grüße aus der dunklen Altbauwohnung,
Eure Esther vom Otherland
Eine letzte Sache noch: Warum ist der Geisterkomiker nicht lustig? Weil er immer tod-ernst ist. Hahahahaaaaaaaaaaaaa da gehen die Kerzen im Lufthauch des lachenden Publikums dann doch aus. Oh oh.
Verängstigte Grüße aus der dunklen Altbauwohnung,
Eure Esther vom Otherland